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Gedenken an Thomas L. auf dem Altmarkt

3. November 2020 - 12:26 Uhr

Rund 350 Personen versammelten sich am Sonntagnachmittag auf dem Altmarkt, um dem Anfang Oktober ermordeten Thomas und seinem schwerverletzten Lebenspartner Oliver mit einer Mahnwache zu gedenken. Aufgerufen hatte die Magnus Hirschfeld-Stiftung zusammen mit der Aktion 100% Mensch und dem CSD-Dresden. Letzterer hatte sich vor wenigen Tagen mit einem von mittlerweile 200 Einzelpersonen und Initiativen unterzeichneten offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt, in dem sie das Schweigen nach dem Mord vom 4. Oktober kritisierten.

Die Betroffenheit nach den Ereignissen waren Roland Zenker, dem Vereinsvorsitzenden und Vorstandssprecher des CSD-Dresden, anzumerken „Mit fehlen die Worte!“. Einerseits sprach er damit auf die schreckliche Tat an, die sich am 4. Oktober in der Dresdner Innenstadt ereignet und dem 53jährigen Thomas das Leben gekostet hatte. Anderseits meinte er damit sicherlich auch die wenigen Menschen, die den Weg auf den Altmarkt gefunden hatten. Gerade einmal 350 Menschen fanden sich zur Schweigeminute ein und füllten den Altmarkt trotz Abstandsreglungen lediglich zu einem Drittel. Weder Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer, noch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert hatten den Weg zum Altmarkt gefunden, sondern lediglich Stellvertreter geschickt.

Zuvor hatte Zenker in seiner Rede eine lückenlose Aufklärung der Geschehnisse rund um den mutmaßlich islamistisch motivierten Mordanschlag gefordert. Sollte sich ein homophobes Tatmotiv weiter erhärten, müsse dies klar benannt werden. Wie schon im offenen Brief des CSD stellte Zenker erneut klar: „Homo- und Trans*feindlichkeit tötet!“ Neben einer Schweigeminute für Thomas und seinen Lebenspartner, gedachten die Anwesenden auch den Opfern rassistischer Gewalt. Zenker sprach sich klar und deutlich gegen eine Instrumentalisierung der Tat durch Rechte aus. Ohne die AfD namentlich zu erwähnen, richtete sich die Kritik auch an jene, die in Reden gegen Menschen hetzen: „Wer sich auf öffentlichen Plätzen oder in den Parlamenten ans Mikrofon stellt und sich über sexuelle Orientierung und Geschlecht lustig macht, wer in Zwischenrufen fordert, dass Homosexuelle ins Gefängnis gehören, der legt die Grundlage für Hassverbrechen.“ Worte, so Zenker abschließend, würden schnell zu Taten.

Neben Roland Zenker sprachen noch der stellvertretende Ministerpräsident Martin Dulig (SPD), der FDP-Politiker und Mitglied der Hirschfeld-Stiftung Thomas Sattelberger, Victor Vince vom Flüchtlingsbeirat, Seyran Ateş von der Ibn Rushd-Goethe Moschee und der SPD-Politiker Karl-Heinz Brunner. Der Großteil der Reden appellierte an die Härte des Rechtsstaates und forderte eine große Gendenkveranstaltung mit dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin in Dresden. Kaum wurde jedoch die Arbeit der Ermittlungsbehörden betrachtet. 

Diese standen zuletzt in der Kritik, das mutmaßlich homophobe Tatmotiv verschwiegen zu haben. „Ignoranz bagatellisiert und führt zu fehlendem Vertrauen von LSBTI in Sicherheitsbehörden“, kritisierte der „Lesben und Schwulenverband“ (LSVD) in einer Mitteilung. Sie forderten Medien, Politik und Behörden dazu auf, ihre Haltung zu ändern. Gewalt gegen LGBTI bedrohe mitten in der Gesellschaft tagtäglich Menschen und dürfe „niemals bagatellisiert und unter den Tisch gekehrt werden“, so der Verband. Als positives Beispiel führte der LSVD Berlin auf, wo seit einigen Jahren mutmaßlich homophobe oder transfeindliche Hintergründe von Straftaten ausdrücklich in den Polizeiberichten benannt werden. Bisher das einzige Bundesland, das eine solche Praxis ausführt.

Kritische Worte zu der geringen Beteiligung an der Veranstaltung fand eine queere Aktivistin. „Als Linke wie als Lesbe bin ich tief betroffen, vor allem aber wütend. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen passiert ein homophober Mord auf den Straßen Dresdens“, äußerte sich die Aktivistin gegenüber addn.me. Die Tat, so die Aktivistin weiter, sei tragisch genug. Dass sie jedoch weitgehend unkommentiert bleibt, sei „eine Schande“. Zugleich übte sie auch Kritik an der Veranstaltung: „Statt massenhaften Demos und einem klaren Signal gegen jede Menschenverachtung gibt es ein paar Reden, ein bisschen Licht am Kulturpalast und die AfD legt auch gleich ihren Kranz mit dazu.“ Es bräuchte mehr linke queere Stimmen in der Stadt. „Es reicht: Homophobie wie Transphobie ist eben immer noch ein Thema, wir müssen uns zur Wehr setzen und zwar mit klaren linken Signalen. Das erledigt der CSD Dresden nicht für uns“, endete die Aktivistin gegenüber addn.me.

Nach dem Ende der offiziellen Veranstaltung wurde der dem Altmarkt gegenüber liegende Kulturpalast als Zeichen der Solidarität in Regenbogenfarben angestrahlt. Anschließend zogen einige Teilnehmer:innen noch zum Tatort an der Schlossstraße, wo bereits mehrere Kränze und Blumen für Thomas L. abgelegt worden waren. Auch die AfD legte einen Kranz ab, was jedoch auf Unmutsbekundungen stieß, wie eine Augenzeugin gegenüber addn.me berichtete. In der Folge soll auch die Schleife mit dem Logo der Partei entfernt worden sein. Wie das Magazin queer.de berichtete, habe die AfD aus diesem Grund im Nachgang eine Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet. Im Nachgang kritisierten Aktivist:innen gegenüber addn.me die mangelnde Abgrenzung des CSD gegenüber der AfD.

Neben der Veranstaltung des CSD-Dresden hielten am Samstag rund 25 Muslime eine Kundgebung  auf dem Neumarkt ab. Organisiert wurde diese vom Kultur- und Bildungszentrum Marwa-el-Sherbini und stand unter dem Motto „Islam gegen Terrorismus“. Die Teilnehmer:innen wollten damit ihre Anteilnahme ausdrücken und sich gegen Terrorismus positionieren. Die nach dem rassistischen Mord an Marwa El-Sherbini geschaffenen Gebetsräume in der Dresdner Johannstadt geraten immer wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit. So werden die Räumlichkeiten regelmäßig Ziel rechter Anschläge. Kritische Stimmen hatten dem Verein vorgeworfen, eine gefährliche Nähe zur islamistischen Muslimbruderschaft zu pflegen


Veröffentlicht am 3. November 2020 um 12:26 Uhr von Redaktion in News

Ergänzungen

  • Dass der CSD sich zu dem homofeindlichen, menschenverachtenden Mord klar positioniert ist gut und wichtig, das Ausbleiben eines ebenso klaren Statements aus der linken und queeren Szene heraus ist daneben um so verheerender! Um so wichtiger find ich an dieser Stelle aber die Kontextualisierung des Dresdner CSD und in Person des Vereinsvorsitzenden Ronald Zenker, der nach Berichten von Betroffenen und deren Unterstützer*innen sexualisierte Übergriffe auf ihm schutzbefohlene, queere Geflüchtete begangen hat. Eine ausführliche kritische Stellungnahme ist hier von e*vibes nachzulesen: https://evibes.org/2019/06/08/stellungnahme-zu-den-berichten-ueber-sexuelle-uebergriffe-durch-ronald-zenker-und-das-vorgehen-des-csd-dresden-e-v/. Die Liste der Vorwürfe gegen Zenker ist dabei noch viel länger – eine Distanzierung von Rechten Kräften ist massiv unglaubwürdig, wenn Zenker 2019 noch den rechten, rassistischen Anwalt Frank Hannig beauftragte, Dresdner Medien unter Druck zu setzen ihre Quellen, und damit die Betroffenen seines eigenen gewalttätigen Handelns, aufzudecken und namentlich bekannt zu machen.

  • Es ist schon verwunderlich, dass dem CSD bei der Gedenkveranstaltung am 01.11. mangelnde Abgrenzung zur AfD und anderen rechten Positionen vorgeworfen wird. In dem angesprochenen Offenen Brief ist diese klar, bei den Reden am Sonntag war es auch mehr als offensichtlich. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass mehr über mögliche Instrumentalisierungen durch Rechte gewarnt und gesprochen wurde als über den islamistischen Hintergrund des Mordes – zwei Redner verzichten gleich ganz drauf diesen zu benennen. Eine erfreuliche Ausnahme bildete Seyran Ateş, deren Rede sehr deutlich gemacht hat, wie das Problem heißt: politischer Islam und wie darauf zu reagieren ist. Auch der Beitrag von Victor Vince ist hervorzuheben.

    Zustimmen können wir der Einschätzung, dass es erschreckend wenig Menschen waren, die der Gedenkveranstaltung beiwohnten. Dies liegt nicht nur an fehlenden linken queeren Stimmen in der Stadt. Immerhin waren auch verdammt und erschreckend wenig Linke bei der Veranstaltung oder in den Worten des vorherigen Kommentars: „das Ausbleiben eines ebenso klaren Statements aus der linken und queeren Szene heraus ist daneben um so verheerender!“ Und das die AfD einen Kranz niederlegen würde war vorauszusehen und scheinbar wurde damit ja auch etwas anzufangen gewusst. Viel bezeichnender an der ganzen Geschichte ist, dass es leider die AfD war, die als eine der ersten über ein mögliches homophobes Motiv sprach und auch als eine der ersten einen Kranz für Thomas niederlegte. Das sagt weniger über die AfD aus als über die Zivilgesellschaft und die radikale und queere Linke.

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