Antifa | Kultur

Kunstprojekte zum Gedenken sorgen für Diskussionen

Nach den Pöbeleien bei der Eröffnung einer Kunstinstallation von drei senkrecht aufgestellten Bussen auf dem Dresdner Neumarkt, werden inzwischen Vorwürfe in der Lokalpresse laut, wonach die Busse im syrischen Aleppo von der islamistischen Rebellenmiliz Ahrar al-Scham zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Scharfschützen des Assad-Regimes aufgestellt worden sein sollen. Bereits am Dienstag hatten dutzende Menschen aus dem Umfeld von PEGIDA ähnlich wie am 3. Oktober lautstark gegen das Projekt des Dresdner Aktionskünstlers Manaf Halbouni gehetzt und von einer „Schande“ sowie „entarteter Kunst“ gesprochen. Schon am Montagabend war es an gleicher Stelle nach dem Ende von PEGIDA zu Schubsereien und Pöbeleien gekommen.

Der Einsatz der sächsischen Polizei richtete sich am Dienstag allerdings nicht gegen die seit Wochen angekündigten Störungen, sondern fast ausschließlich gegen die Menschen, die sich zum Schutz der Kunstinstallation eingefunden hatten. Während die gröhlenden Besucherinnen und Besucher, unter denen sich mit Ronny Thomas und Thea May auch einige bekannte Gesichter der Dresdner Naziszene befanden, unbehelligt blieben, ging die Polizei unter dem Beifall und Gejohle der umstehenden Menge nicht nur gegen Menschen vor, die sich mit einem Plakat positioniert hatten, sondern attackierte auch anwesende Medienvertreter. Erst nach dem Ende der Eröffnungsveranstaltung beruhigte sich die Situation wieder.

Die noch bis zum 3. April zu sehende Skulptur soll nach Aussage des Künstlers ein Zeichen für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit setzen. Gleichzeitig dienen die Busse als „Verbindung zwischen der Situation der Menschen im Nahen Osten und in Europa: Ihr Leid und ihre unaussprechlichen Verluste, aber auch ihre Hoffnung auf Wiederaufbau und Frieden“. Der Ort für die Aktion wurde dabei keineswegs zufällig gewählt: „Die Frauenkirche und der Neumarkt gelten heute als Symbole für den überwundenen Krieg und den Wiederaufbau. Das meint nicht nur die Neuerrichtung von Gebäuden, sondern den langen Weg zu einer Gesellschaft, in der Menschen in Frieden und Freiheit leben können.“

Scharfe Kritik daran, die im Mittelmeer ertrunkenen Menschen und die
Betroffenen des seit 2011 andauernden Syrienkrieges in das diesjährige Gedenken anlässlich des 13. Februars einzubeziehen, formulierte hingegen die Undogmatische Radikale Antifa (URA): „Die Leiden und die Zerstörungen Syriens in Relation zu den Bombardements im Februar 1945 zusetzen, die Zerstörung Dresdens somit zu entkontextualisieren, bewirkt am Ende lediglich die erneute Relativierung der Gründe und Folgen der deutschen Barbarei!“

Zugleich erinnerte eine Sprecherin der Gruppe an die eigentlichen Ursachen für die Flucht: „Sie fliehen vor Kriegen und Konflikten. An allem, egal ob ökonomische, ökologische Gründe oder Konflikt und Krieg verdient vor allem Deutschland. Und Deutschland ist es auch, das bei der Errichtung der Festung Europa, an deren Grenzen tausende starben und sterben, federführend war und ist.“ Viele dieser „Menschen sterben – ertrinken und erfrieren – weil das europäische Grenzregime über Leichen geht um die eigenen Pfründe zu sichern“.

Die Hetze und Drohungen gegen Dresdens Oberbürgermeister hätten gezeigt, „wie notwendig Kritik, ja, Überwindung des Gedenkens in Dresden sind, denn diese Drohungen sind nur im Kontext des „Mythos Dresden“ und der Selbstwahrnehmung dieser Stadt zu verstehen! Die Auswirkungen dieser Geschichtsklitterei, die Verneinung eines Rechtsrucks und dem jahrzehntelangem Nichtverhalten der Dresdner Mehrheitsgesellschaft gegenüber menschenverachtender Umtriebe, zeigen sich weiter in den Statistiken der Opferberatungen und in den Zahlen rechter Aufmärsche und Angriffe. Dresden steht deutschlandweit synonym für falsch verstandenes Demokratiebewusstsein und rechte Gewalt.“

Proteste werden auch am Freitag erwartet, wenn um 14 Uhr nur wenige Meter vom Neumarkt entfernt, auf dem Theaterplatz die Fotoausstellung „Lampedusa 361“ von Oberbürgermeister Hilbert mit musikalischer Unterstützung eröffnet wird. Die Ausstellung soll „die große Leistung der italienischen Gesellschaft dokumentieren, den Opfern einer der großen Tragödien in der Geschichte der Menschheit im Tod ein Stück Würde zurückzugeben“. Allein im vergangenen Jahr ertranken auf ihrer Flucht über das Mittelmeer mehr als 5.000 Menschen. Viele von ihnen vor der Küste Siziliens. Mit insgesamt 90 auf sizilianischen Friedhöfen aufgenommenen Fotos soll bis zum 14. Februar die Geschichte dieser Tragödie gezeigt werden.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.