Nazis

Boxnacht Bautzen: Nazis vor und hinter den Kulissen

Gastartikel des Antifa Recherche Team (ART) Dresden

Am 18. November 2017 lud der SV Post Germania Bautzen zur vierten Boxnacht in die städtische Schützenplatzhalle in Bautzen ein. Etwa 800 Zuschauer*innen verfolgten die Veranstaltung. Das Problem: Im Mittelpunkt des Boxabends standen bekannte Nazis – als Kämpfer, Veranstalter und Sponsoren.

Frederic Pöthig: Im Dienste des Finanzministeriums

Einer der prominentesten Kämpfer der für den SV Post Germania Bautzen im Ring stand, war Frederic „Freddy“ Pöthig. Seit mehreren Jahren ist der 25-Jährige nicht nur im Amateurboxen, sondern auch in der Bautzner Naziszene aktiv, gehört zum Umfeld der Gruppierung „StreamBZ“ und der rechten Fangruppierung „SGD Supporters Bautzen“.

Pöthig bewegt sich vor allem im Umfeld der Kameradschaftsszene, und dass schon seit Jahren. Am 1. Mai 2009 reihte sich Pöthig hinter einem Transparent der „Freien Nationalisten Dresden / Osterzgebirge“ ein, auf dem gefordert wurde: „Zukunft und Heimat schützen – Gegen Globalisierung und Kapitalismus“. Am 23. August 2014 nahm er an einer von der damaligen NPD-Stadträtin Daniela Stamm angemeldeten Demonstration teil, die sich „gegen Asylanten-Unwesen in Bautzen“ richtet. Hier lief Pöthig im Block der „Freien Kräfte Bautzen“, auf deren Transparent die Losung prangte „Heimat und Kultur bewahren – Gegen das Asylverfahren“.

Naziaufmarsch am 01. Mai 2009 in Freiberg, die zweite Person von rechts am Transparent: Frederic Pöthig

Der Kampfsportler scheint dem Boxen nicht nur im Ring nachzugehen. Am 11. Juni 2016 posierten er und andere Hooligans aus dem Umfeld der SG Dynamo Dresden vor dem Hauptbahnhof in Lille zur Fußballeuropameisterschaft mit einer Reichskriegsflagge. Eine Person aus der Gruppe zeigte den Hitlergruß. Der Bahnhofsvorplatz war damals Treffpunkt deutscher Fans, die passend zur Flagge „Wir sind wieder einmarschiert“ grölten und im Verlauf des Abends ukrainische Fans mit Schlägen und Tritten attackierten, sowie ein Café demolierten.

Nazis bei der Fußballeuropameisterschaft in Lille (Frankreich) 2016. Links im Bild: Frederic Pöthig

Brisant an Pöthig: Der überzeugte Nazi hat eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen. Er absolvierte sein Studium an der Verwaltungsfachhochschule in Meißen im Bereich Staatsfinanzverwaltung bzw. Steuerverwaltung. Anschließend wechselte er zum Finanzamt Hoyerswerda. Ein Bericht der Lausitzer Rundschau thematisiert seine Arbeit Anfang 2015, bei der er Schulklassen besucht, um Schüler*innen einen Schnellkurs in Sachen Steuern zu geben. Mittlerweile hat Pöthig bereits die nächste Karrierestufe erklommen und arbeitet im Sächsischen Ministerium der Finanzen im Dresdner Regierungsviertel (Anm. d. Red. Mittlerweile wurde nach Recherchen der Sächsischen Zeitung ein Beamter aus dem Ministerium abgezogen, die Vermutung liegt nah, dass es sich dabei um Frederic Pöthig gehandelt hat.).

Kein Einzelfall: Kämpfer mit rechter Gesinnung

Pöthig war aber kein Einzelfall auf der Boxnacht. Mit Johannes Schönfelder ist ein weiterer Bautzner Kämpfer auf dem Lille-Foto von 2016 zu erkennen. Der Bautzner Nazi war außerdem gemeinsam mit Florian Otto am Angriff auf eine DGB-Kundgebung am 1. Mai 2015 in Weimar beteiligt. Damals stürmten 40 Nazis die Kundgebung und verletzten mindestens einen Gewerkschafter.

Naziangriff auf eine DGB-Kundgebung am 01. Mai 2015 in Weimar. Mit dabei: Johannes Schönfelder (1) und Florian Otto (2). Screenshot: MDR

Facebookprofil von Danny WölferAuch Danny Wölfer war bei der Boxnacht angetreten. Dessen Facebookprofil ist mit einschlägigen Bildern geschmückt, seine Gesinnung versteckt der Boxer nicht. Ein selbstbearbeitetes Foto zeigt ihn beim Schattenboxen, er trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Helmpflicht“ und dem Foto einer Wehrmachtsmarschformation. Dazu ist der Schriftzug ergänzt worden: „Better dead than red“. Auch Wölfers Titelbild ist eindeutig: Es zeigt eine Gruppe bewaffneter Männer und den Schriftzug „Antifas gibts in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt.“

Und auch der auf dem Boxnacht-Plakat angekündigte Maximilian Mahr ist kein unbeschriebenes Blatt. Er beteiligte sich, wie auch eine Reihe weiterer Mitglieder der Post Germania Boxabteilung, am 23. August 2014 an der rassistischen Demonstration gegen Asylunterkünfte in Bautzen. Wie Frederic Pöthig lief er im Block der „Freien Kräfte Bautzen“.

Naziaufmarsch am 23. August 2014 in Bautzen. Maximilian Mahr (1) und Frederic Pöthig (2)

Die Veranstalter*innen

Diese Häufung von Nazis beim SV Post Germania Bautzen ist auffällig. Und sie setzt sich im Betreuer- und Trainerstab fort. Mit Frank Wölfer und Andreas Beuchelt hat der Verein gleich zwei Trainer, die zum Umfeld der Bautzner Nazigruppierung „Sturm 24“ gerechnet werden müssen. Der „Sturm 24“ war in den 2000ern in Bestrebungen eingebunden, dass „Blood & Honour“-Netzwerk nach dessen Verbot 2000 wieder neuzubeleben.

So wurde der „Sturm 24“-Anführer Martin Scholz 2006 wegen der Verwendung von verbotenen Symbolen von „Blood & Honour“ zu einer 10-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Deutlich wurde damals, dass die Bautzner Nazigruppierung, die regelmäßig auf Demonstrationen unter ihrem Namen auftrat, in die Organisation von Nazi-Konzerten involviert war.

Auffällig war auch die Security bei der Boxnacht: Mit Robin und Felix Beck waren Personen aus dem „SGD Supporters Bautzen“-Umfeld für die Absicherung der Veranstaltung zuständig. Beide posieren ebenfalls auf dem Lille-Bild von 2016 – einer der Brüder zeigt dort den Hitlergruß.

Nordland: Mehr als nur Klamottenhandel

Auch beim Sponsoring scheint der SV Post Germania Bautzen auf die Netzwerke aus den Zeiten von Sturm 24 zurückzugreifen. Das erklärt zumindest, dass seit der dritten Boxnacht das Ladengeschäft „Nordland“ als Sponsor auftrat. Der Inhaber des Ladens, Markus Rose, gehörte ebenfalls zum „Sturm 24“-Umfeld. Er war Sänger der NS-Blackmetal-Band „Asatru“, die 2004 und 2008 Alben beim Chemnitzer Nazi-Label „PC-Records“ veröffentlichte. Die Texte der Band sind deutlich, offen besingt Rose seine völkisch-rassistische Ideologie. Im Song „Rettet das Blut“ heißt es beispielsweise:

„Einst geprägt, dass Deutsche Volk,
von der nordisch germanischen Rasse.
Doch schau ich jetzt in viele Augen,
verliert sich diese in der Masse.
Fast ausgerottet und am Boden,
seh ich diese Urgestalt.
Unterwandert von fremden Kulturen,
doch den Deutschen lässt das kalt.“

Refrain:
„Rettet das Volk.
Rettet die Nation.
Rettet unser Blut,
der Sieg ist unser Lohn.“

Roses Aktivitäten erschöpfen sich jedoch nicht mit dem Bandprojekt, regelmäßig nahm er an Demonstrationen teil, sei es am Rudolf-Hess-Marsch 2005 in Berlin oder im August 2014 bei der bereits erwähnten Anti-Asyl-Demonstration in Bautzen. Mit seinem Ladengeschäft profitiert er von der Verbreitung völkisch-rassistischer Ideologie – er lebt vom Hass, den er selbst befeuert. Rose vertreibt die einschlägigen Marken Yakuza, ThorSteinar, Label 23 und Brachial, eine Marke, die lange Zeit ausschließlich im Laden des NSU-Unterstützers und der BfV-V-Person Ralf Marschner zu erwerben war. Nur logisch ist der Schluss, dass hinter dem Sponsoring der Boxnacht oder dem jüngsten Engagement Roses als Trikotsponsor beim Fußballclub SV Bautzen nicht nur Geschäftsinteressen stehen, sondern genauso der Versuch, im „vorpolitischen“ Raum eine völkische Hegemonie zu entfalten – ganz im Sinne von „Blood & Honour“.

Fragwürdige Sponsoren

Henning Stapel (rechts)Dass diese Arbeit weit vorangeschritten ist, zeigt auch der Blick auf einige der anderen Sponsoren. Zum einen ist da das Tattoo-Studio Dobermann, das von Henning Stapel betrieben wird. Der ist gleichzeitig Teil der „Aryan Brotherhood Eastside 125“ und fungiert dort als „President“. Die Nazirocker tauchten 2016 auch im Umfeld des Kornmarkts auf und sollen sich an rassistischen Stadtpatrouillen beteiligt haben.

Zu nennen ist auch der Tattooladen „El-Loco“, wo in steter Regelmäßigkeit neben Comicfiguren, Dynamo-Logos und DDR-Nostalgie-Motiven auch Wehrmachtsverherrlichung, Rommel-Porträts und Szenen germanischer Mythologie gestochen werden.

Und dann wäre da noch Yakuza Premium, ein Spaltprodukt der weitgehend unhinterfragten Bautzner Marke Yakuza Inc.. Beide Marken schaffen mit martialischem Design und „Outlaw“-Image den Brückenschlag zwischen rechter Szene und Mainstream. Und zumindest Yakuza Inc. hat damit einem nicht unerheblichen rechten Vertriebsnetzwerk (siehe Nordland Wilthen, siehe The Store Pirna) ein sicheres Standbein verschafft hat.

Das große Wegsehen

Seit Jahren sorgt Bautzen mit Schlagzeilen über rechte Übergriffe, Anschläge und Demonstrationen für Aufsehen. Spätestens mit dem Brandanschlag auf den Husarenhof im Frühjahr 2016 ist Bautzen in den bundesdeutschen Fokus gerückt, als eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt wurde und Schaulustige jubelten. Bis heute konnten keine Täter ermittelt werden. Es folgten massive Angriffe und Hetzjagden auf Geflüchtete, so im September 2016 und zuletzt im Juli 2017.

Die Antworten von offizieller Seite in Bautzen waren oftmals verherrend. Erinnert sei an einen, nunmehr ehemaligen, Polizeichef Uwe Kilz, der von „eventbetonten Jugendlichen“ fabulierte, als es darum ging, eine Hetzjagd von 100 Nazis auf der Bautzner Platte zu beschreiben. Da ist der Bürgermeister Alexander Ahrens, der sich 2016 mit den zentralen Akteuren der Bautzner Neonaziszene an einen Tisch setzt und sich von Gegenprotesten distanzierte und 2017 einem zum Problem gestempelten Geflüchteten Stadtverbot erteilte. Da ist Landrat Michael Harig, der ebenfalls lieber das Gespräch mit den Nazis suchte und jugendlichen Geflüchteten Hausarrest erteilte und ein Vizelandrat der – es scheint der übliche Weg in Bautzen – sich mit einem Nazi nicht nur einmal an einen Tisch setzt, sondern vertraute Chatgespräche führt und über die Zukunft Geflüchteter in Bautzen verhandelt.

Allesamt Gründe, die Auseinandersetzung mit der Bautzner Naziszene nicht den Behörden zu überlassen, sondern selbst genau hinzusehen!

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