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„Mit Rechten lesen“ – das Buchhaus Loschwitz als wichtiger rechter Knotenpunkt in Dresden

30. Dezember 2019 - 17:53 Uhr

von Lucius Teidelbaum 

Zwei Frauen und ein Gast sitzen in einer Runde vor einer prall gefüllten Bücherwand und sprechen über Bücher. Was sich harmlos anhört, ist es in diesem Fall nicht. Denn die beiden Frauen sind Ellen Kositza und Susanne Dagen. Der Gast kommt meist von der AfD oder aus dem anliegenden Umfeld [1].  Das Format heißt „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“ und existiert seit dem 8. Mai 2018. Wer sich die knappe Stunde antut, ist schnell angeödet. Dagen plappert ständig dazwischen, während Kositza die sittenstrenge Konservative mimt. Rechte Bücher werden positiv besprochen und nicht-rechte Werke durch die eigene ideologische Brille auf mögliche verwertbare Inhalte abgetastet. Dazu gesellen sich in der Bewertung persönliche Geschmäcker. Von professionellen Bücherbesprechungen ist diese launige Runde weit entfernt. Da hilft es auch nicht, dass Dagen versucht, durch provokative Gegenrede künstlich Dissenz zu erzeugen, was die beiden Anderen ganz offensichtlich immer wieder nervt. 

Die späte rechte Geburt der Susanne D.

Trotzdem darf Dagen und ihre Funktion im neurechten Netzwerk nicht unterschätzt werden. Unter der ‚Neuen Rechten‘ wird hier eine spezifische extrem rechte Strömung  verstanden, die sich auf antidemokratische Vordenker der Weimarer Republik, die so genannte ‚Konservative Revolution‚, beziehen. Die WiedergängerInnen dieser ‚Konservativen Revolution‘ dürfen als Vertreterinnen und Vertreter einer Spielart des Faschismus, nicht aber des Nationalsozialismus, betrachtet werden und haben auf parteipolitischer Ebene ihre deutlichste Ausprägung im Höcke-Flügel der AfD. 

Dagen stammt aber ursprünglich nicht aus den Reihen der ‚Neuen Rechten‘, sondern hat sich ihnen erst spät in ihrem Leben angeschlossen. Unklar ist, ob es sich um ein zeitweiliges Bündnis gegen gemeinsame Feinde ist oder ob Dagen auch alle Inhalte von Kositza und Co. teilt. Die DDR-sozialisierte Buchhändlerin meinte nach dem Aufkommen von PEGIDA, dass Kritik und Gegenprotest gegen die Lutz-Bachmannschaft sie an das SED-Regime erinnern würden und ergriff Partei für die patriotischen Europäer. Von da ab ging es schnurstracks nach Rechtsaußen. Zweifelhaft ist, ob sie eine konsistente Ideologie wie ihre Gesprächspartnerin Kositza hat. Augenscheinlich gefällt sich Dagen auch in der Rolle der Rebellin – ganz so als ob die Parteinahme für PEGIDA in Dresden die Parteinahme für eine kleine verfolgte Meinungsminderheit wäre. Sie schloss sich somit erst spät der extremen Rechten an.

2018 beteiligte sie sich an einem Kurzfilm des „Ein Prozent„-Netzwerks über die „Charta 2017 für Meinungsfreiheit“. Es handelt sich um ein kleines von ihr 2017 mit initiiertes Manifest, was die antifaschistischen Proteste gegen den neofaschistischen Verleger Götz Kubitschek, den Mann von Ellen Kositza, auf der Frankfurter Buchmesse anprangert. Im Jahr 2018 nahm sie auch am AfD-nahen 1. „Frauenmarsch“ in Berlin teil. Daneben stand sie der Ausgabe 2/2018 des extrem rechten COMPACT-Magazins für ein Interview zur Verfügung. Dagen wurde 2018 sogar Mitglied im Kuratorium der AfD-nahen „Desiderius-Erasmus-Stiftung e.V.„, verließ diesen Posten aber wieder. Mutmaßlich hatte das auch mit ihrer Kandidatur für die rechtslastigenFreien Wähler“ in Dresden zu tun, die in Konkurrenz zur AfD bei den letztjährigen Kommunalwahlen antraten. Spätestens mit ihrer Wahl in den Dresdner Stadtrat lässt sich die zur Schau gestellte „Ich bin doch nur eine Buchhändlerin“-Attitüde Dagens kaum aufrecht erhalten. 

Die FW können, das verdeutlicht auch die Personalie Dagen, im Dresdner Stadtrat zu einem rechten Block gezählt werden, der je nach Thema Mehrheiten erreicht, die linke Projekte und Initiativen blockieren kann. Seit drei Jahren ist die Loschwitzer Buchhändlerin Teil der stetig wachsenden rechten Zivilgesellschaft in Dresden, dabei geben sie und ihr Lebensgefährte dieser in ihrem Kulturhaus, was ihrer Buchhandlung angegliedert ist, einen sicheren Raum.

Das „KulturHaus Loschwitz“ als rechter Treffpunkt 

Das „Kulturhaus Loschwitz“ wurde bereits 2005 eröffnet und Dagen und ihr Partner, Michael Bormann, bieten in ihrem „KulturHaus Loschwitz“ in Dresden-Loschwitz spätestens seit Ende 2015 rechten Autorinnen und Autoren ein Forum. Am 14. Dezember 2015 wurde der katholische Reaktionär Martin Mosebach zur Autorenlesung eingeladen. Seitdem wurden mit zunehmender Dichte und zeitweise fast im Wochentakt Veranstaltungen durchgeführt, deren ideologische Bandbreite von unpolitisch über den rechten Konservatismus bis hinein in den Neofaschismus reicht. Ein Schwerpunkt lag hierbei im Umfeld der AfD und bei Autorinnen und Autoren des rechten Kulturmagazin „Tumult„, dessen Sitz in Dresden liegt. Einige Veranstaltungen funktionierten als eigene Reihe wie etwa die Gesprächsreihe „Zeitenbuch. Seitenweise Politik“ seit Januar 2016 oder die Reihe „ZeitZeuge. Ein Leben zwischen Diktatur und Demokratie“, die das Buchhaus mit dem „Verband politisch Verfolgter des Kommunismus e.V.“ veranstaltet.     

Hier einmal ein paar Beispiele für die Bandbreite der Personen, die in Loschwitz aufgetreten sind:

 * Am 5. Oktober 2018 stellte der rechte Historiker Werner Bräuninger sein faschismus-affines Buch „DUX: Benito Mussolini oder der Wille zur Macht“ vor. 

* Am 14. Februar 2019 fand eine Autorenlesung zum Buch „10 Jahre! ‚Unter Linken'“ mit dem reaktionären Spiegel-Kolumnisten Jan Fleischhauer statt.  

* Am 20. Mai 2019 stellte Eberhard Straub sein Buch „Zur Tyrannei der Werte“ vor. 

* Am 2. September 2019 stellte die Identitären-Aktivistin Caroline Sommerfeld ihr im Antaios-Verlag erschienenes Büchlein „Wir erziehen“ vor. 

Auch in anderen Bereichen fungiert das „KulturHaus Loschwitz“ inzwischen als Veranstaltungsort. Die für den 16. November 2019 angekündigte Veranstaltung „Impfpflicht – was nun? – Wege aus dem Impfdilemma“ dürfte vor allem auf die verschwörungsideologische Impfgegnerschaft gezielt haben. 

Für den Januar und Februar hat das Buchhaus nun erst einmal „eine winterliche Veranstaltungspause“ verkündet. Der März soll dann laut Newsletter „ganz im Zeichen unseres Jubiläums ’25 Jahre BuchHaus Loschwitz‘ stehen““ Mitsamt Feierlichkeiten am 7. März. Weiterhin wird ein Verlags-Projekt namens „edition buchhaus loschwitz“ angekündigt. 

Fazit: rechts-unpolitischer Gemischtwarenladen

Insgesamt ist das Buchhaus ein Gemischtwarenladen, der neben eindeutig rechter Kost auch unpolitische Veranstaltungen beheimatet. Der über Jahre erarbeitete gute Ruf in der Literatur- und Kulturszene wirkt offenbar auch nach der rechte Politisierung in Teilen weiter. Das Buchhaus ist bisher nicht sonderlich isoliert, obwohl es auch einen wichtigen rechten Knotenpunkt darstellt. Es vergibt auch weiter das Lyrik-Stipendium „Poet in Residence“ und Dagen sowie Bormann betreiben den zugehörigen Verein „Literarisches Dresden“. Zu sich rüber ziehen lassen hat sich in der Dresdner Literatur-Szene bisher nur der bekannte Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp. Tellkamp bewegt sich ebenso wie Dagen im Umfeld der ‚Neuen Rechten‘. Von den verbliebenen Künstler*innen und Literat*innen Dresdens sind in Zukunft deutlichere Worte und Reaktionen gegen Rechts im eigenen Milieu zu erwarten.  

[1] Bisherige TeilnehmerInnen waren: Dr. Erik Lehnert, Caroline Sommerfeld, Matthias Matussek Sophie Liebnitz, Martin Lichtmesz, Dr. Maximilian Krah, Alexander Wendt


Veröffentlicht am 30. Dezember 2019 um 17:53 Uhr von Redaktion in Antifa, Kultur, Nazis

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