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Nazis marschieren in Trachau

Nur wenige Monate nach ihrem Coup vom 12. Februar gelang es den Nazis am Pfingstwochenende erneut, über eine abgelegene Route relativ ungestört durch Dresden zu demonstrieren (Fotos 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7). Als sich am Samstag gegen 13.30 Uhr der Marsch von etwa 450 aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Nazis in Bewegung setzte, verlief die Wegstrecke jedoch anders, als zunächst vermutet. Schon im Vorfeld hatte es Spekulationen darüber gegeben, ob der Aufmarsch unter dem Motto „Zukunft statt Überfremdung“ durch das Plattenbauviertel Prohlis hätte führen sollen. Angesichts der angekündigten Blockaden und mehrerer angemeldeter Kundgebungen am Rande der Aufzugsstrecke änderte Anmelder Maik Müller kurzerhand die Marschrichtung und zog mit seinen Kameradinnen und Kameraden auf einer weniger prestigeträchtigen Strecke vom Vorabtreffpunkt Barbarastraße in Pieschen stadtauswärts über die Industriestraße und Kopernikusstraße bis zum S-Bahn-Haltepunkt „Dresden-Trachau“.

Obwohl Dresdens Polizeidirektor Horst Kretzschmar angekündigt hatte, Protest in Hör- und Sichtweite zuzulassen, stellte sich die Situation am Samstag etwas anders dar. Ein für die Verhältnisse an diesem Tag immenses Polizeiaufgebot von mehr als 2.700 Beamtinnen und Beamten sorgte dafür, dass die Nazis ungestört etwas über zwei Kilometer durch den zuvor hermetisch abgeriegelten Stadtteil Trachau marschieren konnten. Währenddessen hatten sich mehrere hundert Menschen an etlichen neuralgischen Punkten unweit der ursprünglich geplanten Route in Richtung Stadtzentrum eingefunden. Erst am Nachmittag gelang es knapp 150 von ihnen, die Abschlusskundgebung der Nazis mit Trillerpfeifen und Sprechchören zu stören. Nach dem Ende des rechten Aufmarsches zogen knapp 250 Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten vom Großenhainer Platz bis zur Hauptstraße. Noch am Abend zog Polizeiführer Kretzschmar ein positives Fazit: „Es blieb friedlich.“ Insgesamt wurden im Laufe des Tages 26 Personen von der Polizei in Gewahrsam genommen.

Auf der Nazidemonstration sprachen Uwe Meenen (NPD) und Rico Döhler (III. Weg). Neben Dieter Riefling und Karl Richter von der Münchner Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA) hielt auch der Vorsitzende der tschechischen Dělnická mládež (DM), Erik Lamprecht, einen Redebeitrag. Anders als noch am 1. Mai im vogtländischen Plauen, konnten die Veranstalter des diesjährigen „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) jedoch nicht von der Verlegung nach Sachsen profitieren. Im kommenden Jahr soll der dann schon siebte TddZ im nordbrandenburgischen Neuruppin stattfinden. Das jedenfalls kündigte Beatrice Koch von den „Freien Kräfte Neuruppin“ in einem Redebeitrag an. Parallel dazu verteilten Nazis aus Wittenberge und Wittstock Flyer für das bevorstehende Event.

Nachdem es in den letzten Jahren in Dresden mit Unterstützung von außerhalb mehrfach gelungen war, die einst größte Naziveranstaltung Geschichte werden zu lassen, hat der Samstag wieder einmal die Grenzen der Mobilisierung innerhalb der Stadt aufgezeigt. Die Situation am Samstag ähnelte dabei der im vergangenen Jahr in Wolfsburg. Doch während die Verlegung der Nazidemonstration vor einem Jahr in ein Industrie- und Gewerbegebiet abseits des Stadtzentrums von Wolfsburg auch auf Grund der Proteste mehrerer tausend Menschen notwendig wurde, konnte die Kampagne „No TddZ“ in Dresden lediglich 1.500 Personen auf die Straße zu bringen. Parallel zur Mobilisierung hatten rund 20 Initiativen und Gruppen eine umfangreiche Veranstaltungsreihe zum Thema Rassismus organisiert. Unter dem Motto „gegenstand | rassismus“ geht es darüber hinaus auch darum, sich mit dem Erstarken nationalistischer Bewegungen überall in Europa sowie dem Thema Migration auseinanderzusetzen.

Während sich ein Teil der Nazis ungestört am Elbepark sammeln und später auch wieder abreisen konnte, verlief der Tag für einen Großteil der zugereisten Antifas weniger erfreulich. Gleich zu Beginn hatte die Polizei knapp 150 der aus Norddeutschland mit Bussen angereisten Personen nach einer kurzen Spontandemonstration an der Torgauer Straße eingekesselt und von etlichen Personen die Personalien festgestellt. Zwar blieb mit 450 die Zahl der Nazis deutlich hinter den Prognosen zurück, dennoch zeigte sich nicht nur bei der von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) und etwa 50 Menschen besuchten Kundgebung am Neustädter Bahnhof, dass Nazis in Dresden abgesehen der Proteste im Februar, nur mit wenig Widerstand zu rechnen haben. Das Ziel der Nazis, mit der für 800 Personen angemeldeten Demonstration einen würdigen Abschluss ihrer Kampagne zu liefern, konnten sie allerdings auch nicht erreichen.

Die Reihe von Naziveranstaltungen in Dresden setzt sich indes fort. Für den 17. Juni ruft die Dresdner NPD um 18 Uhr zu einer Kundgebung gegen „Medienwillkür“ vor dem „Haus der Presse“ auf. Die Liste der eingeladenen Redner lässt erkennen, dass sich die Partei inzwischen personell an ihren Grenzen bewegt. Immer wieder gleiche Themen, das anstehende Verbotsverfahren und finanzielle Probleme haben die einst größte rechte Partei in Sachsen in Zugzwang gebracht. Die NPD jedoch sieht sich nach den bis auf wenige Ausnahmen ernüchternden Wahlergebnissen zur Kommunal- und Europawahl im Mai vielmehr als Opfer der Medien. Die in der kommenden Woche geplante Kundgebung soll dabei auch an den Jahrestag des so genannten „Volksaufstandes“ im Gebiet der ehemaligen DDR erinnern. Im letzten Jahr waren aus diesem Anlass mit 110 Nazis nur noch die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Jahr zuvor durch Teile der Dresdner Innenstadt gezogen.

Weitere Artikel: Deutsche Zukunft auf absteigendem Ast | „Deutsche Zukunft“ läuft ins Niemandsland

Kommentare

  1. Jonas sagt:

    Hat die Haus-und Hofpostille des ART-Dresden wirklich nichts besseres zu bieten zum 7 Juni als das? Schon der vom systemli betriebene Demoticker schien echt von Versagern betrieben zu sein. Früher war das besser!!

  2. (A) sagt:

    Ein weiterer Auswertungstext ist hier zu lesen:
    https://linksunten.indymedia.org/de/node/116322

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