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„Wir wollen Vorreiter für Gleichberechtigung werden“ – Grenzgespräch mit der Prague Pride

13. Juli 2020 - 18:32 Uhr

Mit den Grenzgespräche halten wir den grenzübergreifenden Dialog aufrecht: in regelmäßigen Abständen interviewen wir Gruppen und Einzelpersonen aus nahen oder fernen Nachbarländern, sei es nun coronabedingt über die geschlossenen Grenzen hinweg oder auch schlicht, um die Weitsicht nicht zu verlieren und den Kontakt zu halten. Passend zur Jahreszeit der Christopher Street Day-Demonstrationen (CSD) und Prides haben wir mit Organisator:innen der Prague Pride im Nachbarland Tschechien gesprochen. 

In diesem Jahr jährt sich die Prague Pride zum 10. Mal. Könnt ihr uns etwas über die Geschichte der Pride in der Hauptstadt der Tschechischen Republik erzählen und wie sie in den letzten Jahren gewachsen ist?

Das Prague Pride Festival findet seit 2011 jedes Jahr im August statt. Es war der erste Grund für die Gründung des Prague Pride Vereins durch tschechische LGBT-Aktivist:innen und Langzeitexpats in Prag. Mittlerweile zählt sie zu einer der größten kulturellen Veranstaltungen in der Tschechischen Republik. 

Das Festival dauert eine Woche und präsentiert regelmäßig mehr als 100 kulturelle und soziale Veranstaltungen, öffentliche Diskussionen und Debatten, Sportveranstaltungen und spirituelle Begegnungen. Es hat bedeutende ausländische Gäste nach Prag gebracht, wie die LGBT-Aktivistin Omar Sharif Jr., die Sängerin Conchita Wurst, die ehemalige isländische Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir, die Vorsitzende der niederländischen Polizeigruppe „Pink in Blue“, Ellie Lust oder die erste transgender Person, die jemals in ein Parlament in Europa gewählt wurde, die italienische Politikerin Vladimir Luxuria

Die erste Pride fand jedoch bereits 1996 in Karlovy Vary statt.

Auf eurer Website kündigt ihr an, dass das Festival rund um die Pride im August stattfinden kann, nicht jedoch die Demonstration selbst. Ist diese Entscheidung endgültig oder kann es noch Änderungen geben? Unter welchen Bedingungen soll das Festival stattfinden?

Wir sind überzeugt davon, dass wir trotz der aktuellen Pandemie verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass das Prague Pride Festival stattfindet, da es das größte LGBT + -Event in der Tschechischen Republik ist und für viele queere Menschen das einzige Event ist, bei dem sie sich sicher und sich selbst fühlen können. Wir sind bestrebt, das Programm in Bezug auf Einschränkungen in Zusammenhang mit Corona an die aktuelle Situation anzupassen.

Wir standen in engem Austausch mit den Behörden der Stadt Prag, die uns auch dazu geraten haben, die diesjährige Pride weiter vorzubereiten. Außerdem haben wir aktiv an der EPA (European Pride Organizers Association) teilgenommen, wo wir unsere Erfahrungen mit der Sperrsituation in Europa teilen und uns auch emotional gegenseitig unterstützen. Wir würden gern deutsche Besucher:innen zu unserem Festival begrüßen, da viele der Veranstaltungen öffentlich sein werden, einige auch auf Englisch.

In einigen der größeren deutschen Städte gibt es einen kritischen Diskurs über die Kommerzialisierung der Prides, der manchmal zu einem „antikapitalistischen Block“ innerhalb des CSD geführt hat. Gibt es ähnliche Diskussionen in der Tschechischen Republik oder in Prag?

Alt * Pride ist als Alternative zur Prague Pride gedacht, die dennoch auch am Ende des Prague Pride Festivals an der Parade teilnimmt. Sie wollen zeigen, dass die queere Identität keine Ware, kein Marketingtrick oder ein Thema für „Corporate Social Responsibility“ sein sollte.

Welche anderen Schwierigkeiten hatten Menschen der LGBTIQ*-Gemeinschaft in der Tschechischen Republik während der Corona-Zeit? Welchen Einfluss haben die Vorschriften und die aktuelle Regierung unter Andrej Babiš auf den Kampf für die LGBTIQ*?

In diesem Juni feierte die Tschechische Republik den traurigen „Jahrestag“ zur Einführung eines Gesetzes zu gleichberechtigten Eheschließungen in unserem Parlament. Auch nach zwei Jahren ist es noch zu keiner einzigen Abstimmung über einen Gesetzentwurf in unserem Land gekommen, der unsere Liebe, unser Engagement und unsere Arbeit würdigen würde. Die Coronavirus-Pandemie hat erneut bestätigt, wie wichtig gleiche Rechte für jede:n sind, unabhängig davon wer sie sind oder wen sie lieben. Unsere Regierung hat im Zuge dessen erneut bewiesen, dass sie die Existenz von LGBT + -Personen in registrierten Partnerschaften in der Tschechischen Republik ignoriert. Als es darum ging, wer während der Pandemie in das Land einreisen darf und wer nicht, vergaßen sie, diese Gruppe mit in die Regierungsankündigungen aufzunehmen.

LGBT + -Paare wurden getrennt und waren verzweifelt. Dies änderte sich erst nach dem Vorstoß unserer Initiative für gleichberechtigte Ehen „Wir sind fair“ und den Stimmen anderer Politiker:innen unserem Premierminister Andrej Babiš gegenüber.

Auf eurer Webseite sind viele verschiedenen Bereiche erwähnt, in denen ihr arbeitet: Es gibt das „Pride Buisness Forum“, die „Beaver queer femme party“, die sich auf Frauen * konzentriert, verschiedene Workshops und Diskussionen rund um Elternschaft und Coming-out. Auf welche politischen Themen werden ihr euch in diesem Jahr konzentrieren? Was sind derzeit die Kernkämpfe der LGBTIQ * -communityt in der Tschechischen Republik?

Die Prager Pride-Organisation entwickelte sich von einer Pride-Veranstaltung zu einer Organisation, die LGBT + -Personen und ihre Familien von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod betreut und unterstützt. Wir werden in unseren Kämpfen auch weiterhin diejenigen einbeziehen, die unsere Unterstützung und unseren Rat benötigen. Unsere Priorität liegt jedoch in der Beendigung der Diskriminierung von LGBT + -Personen und einer damit verbundenen endgültigen Gleichstellung der Ehe in unserem Land. Wir wollen zum Vorreiter für Gleichberechtigung in der Region Mittel- und Osteuropa werden, um so Hoffnungsschimmer und Inspiration für unsere Nachbar:innen zu werden.

Laut einer kürzlich durchgeführten MEDIAN-Umfrage ist die Unterstützung der „Ehe für Alle“ in der Bevölkerung auf 67% gestiegen. Die öffentliche Unterstützung für die Adoption von Kindern in schwulen und lesbischen Familien hat ebenfalls zugenommen, dies gilt sowohl bei Kindern ihrer Partner (auf 77%) als auch bei Kindern aus Kinderheimen (62%). Hauptmotiv ist das Recht aller Kinder, in einer Familie mit zwei Eltern aufzuwachsen, egal ob es sich um Mama und Papa, zwei Mütter oder zwei Väter handelt.

Die Unterstützung in der Gruppe mittleren Alters hat am stärksten auf 74% zugenommen (gegenüber 65% im Jahr 2018). Die Unterstützung der mittelalten Generation kam noch zu der deutlich wachsenden Unterstützung bei jungen Menschen unter 34 Jahren (75%) hinzu. Laut einer Analyse der Forschungsorganisation Open For Business könnte der Erlass einer gleichberechtigten Ehe mindestens 2,7 Milliarden CZK in die Staatskasse bringen.

Vielen Dank für das Interview und wir wünschen euch eine schöne und erfolgreiche Pride 2020.

weitere informationen unter: https://www.praguepride.cz/cs/

This year is the 10th anniversary of the Prague Pride. Can you tell us about the history of the Pride in Czech Republics capital and how it grew over the last years?

The Prague Pride festival takes place every year in August, all the way since 2011. It was the initial reason for the creation of the Prague Pride association by Czech LGBT activists and long-term expats in Prague. Nowadays it is one of the biggest cultural events in the Czech Republic. The festival lasts a week and regularly presents over 100 cultural and social activities, public discussions and debates, sports events and spiritual encounters. It has brought to Prague significant foreign guests, such as LGBT activist Omar Sharif Jr., the singer Conchita Wurst, the former Icelandic PM Jóhanna Sigurðardóttir, the chairperson of the Dutch police group “Pink in Blue”, Ellie Lust, or the first transgender person ever elected in a parlaiment in Europe, Italian politician Vladimir Luxuria. The first pride march happened in Karlovy Vary in 1996 though.

On your website, you announce that the festival around the Pride can happen in August, but not the march itself. Is this decision definite or may there still be changes? Under what conditions will the festival take place?

We strongly believe that despite the current pandemic situation it is our obligation to make sure that Prague Pride festival happens since it is the largest LGBT+ event in the Czech Republic and for many queer people it is the only event where they can feel safe and be themselves. We are dedicated to adjust the programme to the current situation in terms of coronavirus-related restrictions. We have been in close contact with the leadership of the City of Prague who advised us to keep on preparing this year´s pride. Also, we have been actively participating in EPOA (European Pride Organisers Association) where we share our experience with the lock-down situation all over Europe and support each other emotionally as well. We would love to welcome German visitors to our festival, as many of the events will be public, some in English.

In some of the bigger German cities, there is a critical discourse around the commercialisation of the Prides, which sometimes leads to an „anticapitalist block“ within the pride. Are there similar discussions in Czech Republic or Prague?

Alt*Pride is an alternative to Prague Pride, which also takes part in the parade at the end of Prague Pride festival. They want to show that the queer identity should not be a commodity, marketing ploy or a theme for “corporate social responsibility”.

Which other difficulties did people of the LGBTIQ* community in Czech Republic face during Corona times? What influence do the regulations and the government in power have on the fight for the LGBTIQ* cause?

This June, Czech Republic celebrates a sad “anniversary” of the equal marriage bill introduction at our Parliament. After 2 years not a single vote on a bill, which would recognize our love, commitment and contributions in our country. The Coronavirus epidemic confirmed once again the importance of equal rights and conditions for anybody, no matter who you are or love. Our government proved once again how they ignore the existence of LGBT+ people in registered partnerships in the Czech Republic, when they forgot to include them in the government announcements about who can enter or not enter the country during the pandemic. LGBT+ couples ended up separated and desperate, until the situation resolved after the push from our equal marriage initiative “We are fair” and other politicians towards our prime minister Andrej Babiš and our government.

Your association works in a lot of different fields: There is the „Pride Buisness Forum“, the „Beaver queer femme party“ that focusses on women*, different workshops and discussions around Parenthood and Coming-out mentioned on your website. Which political topics will you focus on this year? What are the core struggles of the LGBTIQ* community in Czech Republic at the moment?

Prague Pride organisation grew from a pride event to an organisation, which provides care, support and services to LGBT+ people and their families from the time of their birth, till their death. We will continue to extend our arms to those who need our support and advice. However, the no 1 priority is to end discrimination towards LGBT+ people and to have equal marriage finaly in our country. We want to become the pioneer in equal rights in the Central & Eastern Europe region, to become the beam of light and inspiration to our neighbours. Support for marriage for all has increased among Czechs to 67% according to a recent MEDIAN survey. Public support for the adoption of children in gay and lesbian families has also increased, both in terms of children of their partners (to 77%), and children from children’s homes (62%). The main motive is the right of all children to grow up in a family with two parents, whether it’s mom and dad, two moms or two dads. Support in the middle-aged group has increased the most to 74% (up from 65% in 2018). Support from the middle age generation has also been added to the clearly growing support among young people under 34 (75%). In addition, according to an analysis by the research organization Open For Business, the enactment of equal marriage could bring at least CZK 2.7 billion to the government coffers.

more Information: www.praguepride.cz/cs/


Veröffentlicht am 13. Juli 2020 um 18:32 Uhr von Redaktion in International

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