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Tumult (für) das Magazin im rechten Konsens – Hintergründe zu einer neurechten Zeitschrift

7. Januar 2020 - 11:59 Uhr

Mit der Absage durch das Lingnerschloss ist das  „Tumult – Magazin für Konsensstörung“ in die breitere Öffentlichkeit gekommen. Doch wer steckt hinter diesem rechten Magazin aus Dresden? Wieso ist eine Absage nur konsequent? Dieser Beitrag soll ein paar Hintergründe zu Autoren und Autorinnen sowie die Debattenkultur innerhalb der neurechten Zeitschrift beleuchten. 

Seit 2003 wird das Magazin mit Sitz in Dresden vierteljährlich rausgegeben. Chefredakteur ist der 1941 geborene Frank Böckelmann, welcher sich in den 1960iger Jahren noch zu den Wortführern der antiautoritären Linken in München zählte, spätestens seit den 1990iger Jahren jedoch seine Heimat in der politischen Rechten fand. In der Eigenbeschreibung sieht sich das Magazin als „unabhängiges Organ der Gegenwartserkundung fernab akademischer und volkspädagogischer Sprachregelungen“, welches sich gegen den „Konsensdruck in der öffentlichen Meinung“ wehre. Welche Sprachregelung stattdessen gesucht wird, zeigt sich in der Tatsache, dass Böckelmann im Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ von Björn Höcke das Vorwort schrieb. Bei der in dem Buch durch Höcke verwendeten nationalsozialistischen Sprache konnten später nicht einmal AfD-Politiker einen Unterschied zur Sprache Adolf Hitlers in „Mein Kampf“ erkennen. 

Sammelsurium der extremen Rechten

Dass weder die Zuschreibung „neoreaktionär“, wie sich Böckelmann gegenüber der Sächsischen Zeitung äußerte, noch die Beschreibung der rechten  Buchhändlerin Susanne Dagen als „sehr intellektuelle konservative Ausrichtung der Zeitschrift“ passend sind, belegt vor allem ein Blick auf den Autorinnen- und Autorenstamm. Die über 50 namentlich aufgelisteten Personen lesen sich wie ein Sammelsurium der bundesweit aktiven extremen und konservativen Rechten. Darunter fällt u.a. der Mannheimer Johannes Scharf. Scharf, der mit bürgerlichem Namen Jonathan Stumpf heißt, ließ sich 2019 für die NPD in Mannheim zur Kommunalwahl aufstellen und referierte beim Neujahrsempfang der Partei über den „weissen Ethnostaat„. Mit Benjamin Zschocke saß außerdem ein Kandidat zur Kommunalwahl in Sachsen für jene Partei „Pro Chemnitz“ in der Redaktion des Tumult Magazins, die maßgeblich an den Ausschreitungen nach dem Tod eines Mannes im Sommer 2018 beteiligt war. Zschocke gründete darüber hinaus zusammen mit dem ehemaligen Chemnitzer Felix Menzel die Blaue Narzisse. Der Historiker Volker Weiß attestierte dem Magazin eine antiuniversalistische und antisemitische Haltung. Es verwundert kaum, dass mit Thomas Hartung seit längerem auch ein Mitbegründer der AfD-Sachsen für das Magazin schreibt.

Viele der weiteren Autorinnen und Autoren schreiben neben der Tumult auch für andere rechte Zeitungen oder Blogs. Besonders häufig ist eine Nähe zu Götz Kubitscheks neurechter Sezession zu beobachten, für die viele ebenso tätig sind, wie für die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ oder der verschwörungstheoretischen Monatszeitung „Eigentümlich frei“. Neben den zahlreichen einschlägig bekannten Publizistinnen und Publizisten, finden sich auch einige Autorinnen und Autoren, die erst in jüngerer Vergangenheit im rechten Resonanzraum Anschluss gefunden haben. Bekannteste Beispiele dürften hier die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld (CDU) und AfD-Anhänger Matthias Matussek sein. Erstere war Mitinitiatorin der „Erklärung 2018„, in welcher sich gegen eine „Beschädigung Deutschlands“ durch „illegale Masseneinwanderung“ ausgesprochen wurde. Ein Großteil der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Erklärung finden sich auch als Autorinnen und Autoren im Tumult-Magazin wieder. Der Katholik Matussek machte vor allem durch seine Sympathien für die Identitären (IB) auf sich aufmerksam. Ein mehrfach vorbestraftes Mitglied der mittlerweile in die Krise geratenen Gruppe war Gast von Matusseks privater Geburtstagsfeier.

So verwundert es wenig, dass die Zeitschrift auch von Ellen Kositza, der Ehefrau von Götz Kubitschek, immer wieder verbreitet oder durch den Chef der Identitären Bewegung Österreich, Martin Sellner, beworben wird. 2018 verbreitete das Magazin über Facebook ein Foto, welches den Herausgeber Frank Böckelmann gemeinsam mit Martin Lichtmesz auf der Frankfurter Buchmesse zeigt. Wenige Jahre zuvor gab Lichtmesz im Verlag Antaios ein Essayband mit Texten des norwegischen Bloggers Fjordman heraus, auf welchen sich auch der Rechtsterrorist und Massenmörder Anders Brevik bei seinen Taten berufen hatte.

Martin Lichtmesz und Tumult-Redakteur Frank Böckelmann auf der Frankfurter Buchmesse

Im Diskurs mit rechten Kampfbegriffen

So einheitlich die Autorinnen und Autoren sind, so homogen sind auch die überwiegenden Inhalte des Magazins. Die Redaktion wirft den „etablierten“ Medien die „Entkräftung tradierter Gesinnungen und ideologisch begründete Denkverbote […] in omnipräsenten Netzgemeinschaften“ sowie eine Beschleunigung von „Vorverständnissen, Sicht- und Sprechweisen, Selbstdarstellungsmoden, Argumenten und (In-)Toleranzen“ vor. Bei genauerer Betrachtung eigener Inhalte bleibt jedoch nicht viel mehr als das, was sie selbst den Medien vorwerfen, eine Selbstbestätigung der eigenen sich intellektuell gebenden rechten Filterblase. Ein kritischer Diskurs verschiedener Positionen ist nicht zu finden. Stattdessen wird sich zahlreicher extrem rechte Kampfbegriffe wie „Schuldkult“, „Rasse“ und „Gendermainstream“ bedient. So heißt es dann mit Blick auf das Gedenken an die Shoa: „Beim Quietschen der sich rhetorisch öffnenden Tore von Auschwitz kann man dann oft kaum sein eigenes Wort hören.“ In Bezug auf die „Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen“-Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum ermutigt „Tumult“ zu einer Wiederaufnahme der wissenschaftlich widerlegten Rassentheorie. So fragt Thomas Küchenmeister, ob „Rassen durchweg ‚Erfindungen‘ pervertierten menschlichen Denkens seien, also ein reines Konstrukt falschen Bewusstseins, oder doch auch eine Realität, über die wir immer noch zu wenig wissen“.

Besonders mit Einsetzen des Sommers der Migration 2015 verschärfte sich auch der Ton des Magazin erheblich. Dies ging soweit, dass der ehemalige Mitherausgeber Horst Ebner seinen Posten aufgab und dies mit der „Art und Weise, wie in einer Stimmung kollektiver Überforderung vor allem Autoren aus dem engeren Umfeld der Zeitschrift auf das epochale Thema Massenwanderungen nach Europa reagierten: Weniger im argumentativen Widerspruch als vielmehr mit moralisierender Erregungsrhetorik wurden plötzlich wieder alte ideologische Frontlinien gezogen“ begründete. Ihm folgten rund 20 weitere Autorinnen und Autoren. Spätestens von da an, war das Magazin dem „Mainstream“ der extremen Rechten verfallen. Dass Uwe Tellkamp im Rahmen dieses Vereins sein neues Buch vorstellen möchte, sollte eher ihn in Erklärungsnot bringen, als Vereine mit einer weltoffenen Haltung. Wenn nun durch lokale Medien die Absage einer extrem rechten Veranstaltungsreihe und nicht der Versuch einer Normalisierung von rechter Sprache und rassistischer Hetze im intellektuellen Gewand skandalisiert wird, zeigt dies nicht zuletzt auch den Zustand journalistischer Arbeit in Dresden.

Bild von Gunnar Wortmann auf Pixabay


Veröffentlicht am 7. Januar 2020 um 11:59 Uhr von Redaktion in Antifa, Nazis

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