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Grenzgespräche – Interview mit Aktivist:innen von Kopacze Diggers aus Polen

5. April 2020 - 19:23 Uhr

Dass derzeit die Grenzen geschlossen sind, fällt nicht nur den Menschen mit Biografien in totalitären Regimen oder denjenigen auf, die sich wundern, dass plötzlich die prekär beschäftigten polnischen und rumänischen Dienstleister:innen nicht mehr zur Verfügung stehen, um ältere Menschen zu pflegen. Ein fundamentales Recht, welches auch vorher nur für einige galt, ist nun auch für andere eingeschränkt: die Bewegungsfreiheit. Weit über den schnellen Zigarettenkauf hinter der Grenze oder den Wochenendausflug nach Wrocław sind damit Waren- und Dienstleistungsverkehr eingeschränkt. Aber noch darüber hinaus ist es eine, wenn auch zur Zeit medizinisch notwendige, aber besorgniserregende Entwicklung. 

Statt uns abzuschotten, nimmt addn.me dies erst Recht zum Anlass, um mit Akteur:innen jenseites der Grenzen zu sprechen: Wie wirkt sich die Corona-Prandemie auf die sozialen Bewegungen anderswo aus? Welche wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen verfolgen Menschen in Polen und Tschechien gerade mit Skepsis? Und wie können wir den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen?

Interview mit A. vom Kopacze Diggers

English bellow!

Wie geht es den Leuten in Deinem Kollektiv? Welche Auswirkungen hat Corona auf Dein Leben und Deine Arbeit? Was gibt es für Einschränkungen derzeit? 

Insgesamt stecken alle in sehr unterschiedlichen Situationen. Ich wurde von meiner Arbeitsstelle in einer Bibliothek nach Hause geschickt und weil ich nur einen Honorarvertrag habe, also auf Abruf arbeite und keinen richtigen Arbeitsvertrag habe, bekomme ich kein Geld im Moment. Manche von uns Arbeiten von Zuhause, andere lernen es. Wieder andere haben ihre Jobs verloren. Zur Zeit darf niemand das Haus verlassen, es sei denn man geht zur Arbeit, zum Einkaufen oder um andere grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen. Die Polizei kann dich auf der Straße jederzeit kontrollieren. Ein Teil unseres Kollektivs bleibt in einem Haus auf dem Land, welches uns selbst gehört.

Polen war sehr schnell dabei die Grenzen zu schließen – wie schätzt Du die derzeitige Situation ein? Wie reagiert die PiS-Regierung? Was sind die Gefahren, die von autoritärer Politik ausgehen? Wie ist der politische Diskurs zum Thema Corona?

 Die Regierung hat einen eigenen Vorschlag, um „die Krise zu bekämpfen“, der bereits das Unterhaus (Sejm) passiert hat und auf die Zustimmung im Senat wartet. Der Vorschlag enthält Gesetze, die große Unternehmen begünstigen, zum Beispiel die Senkung von Löhnen oder die Verlängerung von Arbeitsschichten bei gleichem Lohn. Menschen, die ihren Job verloren haben oder nur auf Abruf arbeiten, sollen können eventuell eine einmalige  steuerfreie Unterstützung in Höhe von 2.000 Złoty (rund 430 Euro) bekommen, sofern sie alle Bedingungen erfüllen.Schwierig daran ist für mich, dass nicht die betroffenen Arbeiter:innen um finanzielle Unterstützung bitten können, sondern dass die Arbeitgeber:innen die dafür notwendigen Unterlagen ausfüllen müssen. Und die Dokumente werden erst im Mai oder Juni da sein. Bis dahin müssen sich die Menschen selbst helfen. 

Bei Missachtung polizeilicher Anweisungen drohen künftig schwere Strafen und das ist eigentlich der problematischste Teil des neuen „Krisen-Gesetzes“. Die Polizei kann dich damit einsperren, weil du nicht einverstanden bist, mit dem was sie macht. Im Moment wird mit der Notwendigkeit begründet, dass Polizeikontrollen zur Durchsetzung von „social distancing“ erforderlich sind, aber ich gehe davon aus, dass mit unserer aktuellen Regierung dieses Gesetz auch die Corona-Krise einfach überleben wird. Die Regierungspropaganda sagt, die PiS (rechtspopulistische Regierungspartei) hätte alles unter Kontrolle. Ungeachtet der Aussagen von Angestellten in Krankenhäusern wird zum Beispiel behauptet, es gäbe genügend medizinische Ausrüstung und Tests. Allerdings gibt es aktuell nicht einmal ausreichend Masken, Handschuhe und Tests für das medizinische Personal. Vielmehr müssen möglicherweise betroffene Menschen Stunden oder sogar Tage auf Tests warten und normale Leute geben Spenden oder kochen Essen für das Personal in den Krankenhäusern, weil sonst nicht genügend vorhanden wäre.

Außerdem hält die Regierung auch immer noch am Termin für die Präsidentschaftswahlen im Mai fest. Sie haben vor ein paar Tagen über Nacht eine Gesetzesänderung verabschiedet, obwohl das in Polen illegal ist, da Gesetze eigentlich nur bis sechs Monate vor der Wahl geändert werden dürfen. 

Wen trifft die Krise gerade am meisten? Wo siehst Du die größten Probleme?

Ich habe ein Problem mit der Frage, denn wenn ich darüber nachdenke, dann fallen mir immer neue Gruppen ein, die auch betroffen sind und damit ergeben sich mehr Probleme. Darum nur ein paar Beispiele: Menschen die bislang lediglich auf Abruf arbeiten, haben all ihr Einkommen verloren und werden im laufenden Monat weder Geld für Miete und Essen, noch Kredite aufbringen können. Von der Regierung kommt bisher keine Hilfe. 

Auch Schulen und Kindergärten sind geschlossen, Unterricht soll Online passieren. Die Erwartungen der Regierung sind hoch, aber praktisch gibt es von staatlicher Seite dazu keinerlei Unterstützung. Stattdessen bringen sich die Lehrer:innen im Augenblick das notwendige Wissen selbst bei. Und wenn du zuhause Kinder hast, musst Du den Unterricht leisten. Also stellt euch vor, ihr habt zwei Kinder, die eigentlich in der Schule sind, arbeitet von Zuhause (und ihr gehört zu den Menschen, die überhaupt noch eine Arbeit haben) acht Stunden am Tag und habt nur einen Computer. Oder ihr habt gar keinen Computer bzw. eine schlechte oder gar keine Internetverbindung und eure Kinder sind verpflichtet, an Onlinekursen teilnehmen. Wohnungslose sind ebenso stark bedroht, sie können nicht einfach Zuhause bleiben. Von der Regierung ist dabei keine Unterstützung zu erwarten, nur Forderungen.

Wie gestaltet sich die Situation von sozialen Bewegungen? Wie hat Corona sie getroffen und was macht „ihr“ (Anarchist:innen/ Feminist:innen/ Antifaschist:innen oder Dein Kollektiv) im Moment? 

Da sich niemand mehr auf der Straße treffen darf, bleiben nur die sozialen Netzwerke. Die Folge ist, dass sich auch der Aktivismus mehr ins Internet verlagert hat. Dort gibt es eine Fülle an Unterstützungsgruppen, die auch sehr gute Arbeit machen. Darüber hinaus gibt es auch eine Reihe von Fundraising-Kampagnen: eine für Krankenhäuser und Ärzt:innen, zwei für Künstler:innen, Sexarbeiter:innen und Aktivist:innen und eine weitere für Menschen, die ihre Einkommen verloren haben.

Menschen geben ihre alten Laptops an Kinder weiter, damit die bei den Onlinekursen dabei sein können. Für diejenigen, die nicht rausgehen sollten oder in Quarantäne sind, gibt es Menschen, die Einkaufen oder mit Hunden spazieren gehen. Online gibt es Tipps und Hilfe zu Arbeiter:innenrechten. 

Um die Krise durchzustehen, ist es sehr wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht wird sich dadurch die Welt nach der Krise in einer Art und Weise verändern, die ich gut fände: mehr feministische, queere und anarchistische Solidarität und Graswurzelnetzwerke. Meine damit verbundene Hoffnung ist weniger Abhängigkeit von der Regierung und den Autoritäten, weil die sich offensichtlich nicht um die Leute scheren und Menschen das jetzt hoffentlich beginnen zu erkennen.

Als Kollektiv verschieben wir die meisten Vorhaben gerade nach hinten. Nichtdestotrotz ist unser Haus auf dem Land für Menschen offen, um vorbeizukommen, sich auszuruhen und den Akku aufzuladen. Aber klar ist es auf Grund der geltenden Einschränkungen aktuell schwerer geworden, hierher zu kommen und wir haben ein eigenes „Desinfektionsprogramm“ für alle, die zu uns kommen. 

In meinem anderen Kollektiv, müssen wir uns erst noch entscheiden, ob wir unser ursprünglich im Juli geplantes queerfeministisches Camp stattfinden lassen wollen. Wir müssen schauen, ob sich die gesundheitliche Gesamtsituation bessert und ob wir genug Kapazitäten und Raum haben, unter diesen Umständen alles zu organisieren. 

Vielen Dank für das Gespräch!

English Version:

Interview with A. from Kopacze Diggers (Kopacze near Warsaw) 

How are people of your collective doing? How does Corona affect yourwork and life? What are the current restrictions?

In general everyone is in a different situation right now. I was sent to go home from my work in a library and since I do not have an employment contract, but only civil contract I am not earning money. Some of us are working remotely as usual and some are learning how to work remotely. And some of us lost their jobs. Right now you cannot leave houses unless you are going to work, groceries or fulfilling other basic needs. Police can check you on the streets. Part of our collective is staying in the countryside house we own.

Poland was quite quick to close the borders – what’s your analysis of the current situation?How does the PIS government react? What are the authoritarian threats in the current situation (are there any)?Is there any specific propaganda or discourse in relation to the crisis?

PIS government is pushing their proposition for „fighting crisis“. Already this proposition passed the lower house (Sejm) and is waiting for voting in the upper house (Senat). There are laws which are in favor of big companies like lower income for workers or longer shifts for the same money. People who lost their jobs and are/were working on civil contracts can maybe get once small help – 2000 PLN pre-tax and only if they fulfill the requirements.One of the questionable part is, I think, that it’s not employees who are gonna ask for financial aid for them but their employer needs to fill all documents. And those will be probably available in May or June. Till then people are needed to help themselves. In this „crisis proposition“ the most dangerous is the law that you need to follow instructions of police under threat of penalty. The police can lock you just like that if you do not agree with them. Right now they are saying it is needed to keep social distancing, but I can easily see with this government that this law will stay valid after the „corona crisis“. PIS propaganda about the crisis is saying that we have everything under control and there is enough medical and protection equipment and tests, but people who are working in hospitals are saying different things. There are not enough masks, gloves, tests, even for medical staff. People are waiting hours or days for tests. Regular people are supporting financially and also cooking/buying food for medical staff in hospitals because otherwise there is none or not enough for everyone.  Not to say that the government still wants to do presidential elections in the beginning of May and they changed the law a few days ago during the night about this election, which is illegal in Poland because you can change this kind of laws only up until 6 months before the elections.

Who are the people affected most? Where do you see the biggest problems?

I have a problem with this question because when I think that one group is affected the most, then I remember about some others who are also much affected and then about more and more groups and problems… So only some examples: people who are working on civil contracts lost their earnings and now will start the new month without having money for rents, credits or food. No help from government so far. Also schools and kindergardens are closed and all classes should be online. But there is big expectations of the government and little help with setting up online classes. Teachers are learning by themselves new tools and applications. And if you have children, then basically you are their new teacher. So imagine you have two kids in school and you are working remotely (and you feel lucky because you at least have a job) 8hrs per day and you have one computer. Or you don’t have any computer or slow Internet connection or no Internet at all and your children are obligated to participate in online classes. Homeless people are at very risk since they cannot stay at home… No support from the government just demands.

In what situation did Corona hit the social movements? What are „you“(anarchists/feminists/antifa or your collective) up to at the moment?

In general, activism just went more online. You cannot gather on the streets but you can gather on social media. There are a lot of support groups on social media and they are working quite good. There are also fundraisings to support: one for hospitals and medics, two who make funds for artist, activist, sex workers and others who lost their earnings. Also people are giving their old working laptops to children so they can have access to school classes. People are doing shopping or walking dogs for others who shouldn’t go out or are under quarantine. There are online helplines about workers rights. People are helping people and this support is essential for surviving this crisis. Maybe after the crisis the world will change in a way I would like to see: More feminist queer anarchist solidarity and grassroots networks. Less depending on government and authorities because they don’t give a shit and people are hopefully seeing this right now.

As a collective we mostly postpone everything but our place in countryside is partly open for people to come and rest and reset. Of course with more restrictions it is harder to get here and we keep „disinfection regime“ for everyone who comes over. Me as a part of another collective we also still need to decide if we are gonna do our queer feminist camp in July? If it will be safe enough for people to gather and if we under this circumstances are having space and capacity to organize it.

Thanks a lot for the konversation!


Veröffentlicht am 5. April 2020 um 19:23 Uhr von Redaktion in Freiräume, International, Soziales

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