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Der SemperOpernball – Eine Dresdner Erfolgsgeschichte

7. Februar 2020 - 13:42 Uhr

Als politisch interessierte und schreibende Person ist es in dieser Stadt manchmal schon nicht einfach. Da stößt einem die in diesem Jahr mindestens kontrovers diskutierte Vergabe des St.-Georgs-Orden plötzlich wieder auf ein schon fast vergessenes Dresdner Event. Als wäre die Vergabe eines nicht einmal zweitrangigen Ordens an einen ägyptischen Menschenschlächter nicht schlimm und berichtenswert genug, wurden in sekundenschnelle Assoziationen und Erinnerungen der letzten Jahre aufgeweckt, über die es wert wäre, zu berichten.

Ein paar unvollständige Gedanken:

Plötzlich stellt sich die Frage danach, ob lieber über den „Dresdenzentrismus“ einer Stadt geschrieben werden sollte, die denkt, sie hätte ein Kulturevent von weltweiter Bedeutung geschaffen, welches bei genauerer Betrachtung doch nicht über eine maximal provinzielle Unterhaltungsveranstaltung hinausreicht, die Live auf dem sächsischen Haus- und Hofsender MDR übertragen wird. Zu keinem Zeitpunkt wurde dieser Umstand offensichtlicher, als bei der mittlerweile beinahe schon legendär gewordenen Übersetzung von La Toya Jackson, die 2010 den Orden für ihren im Jahr zuvor verstorbenen Bruder Michael Jackson entgegennahm, nachdem ihm posthum die Auszeichnung verliehen wurde.

Es wäre auch Platz, die Verhältnisse mit eingekauften C-Prominenten und tausenden Besucherinnen und Besuchern auf dem Theaterplatz zu thematisieren, die alljährlich mit der Hoffnung auf den Platz vor der Semperoper strömen, dass ein wenig des „pseudo-royalen-Glanzes“ auch auf sie abfärbe. Die in der Hoffnung der „15 minutes of fame“-Prophezeiung von Andy Warhol fröhlich tanzend und lächelnd ihre Arme den Kamerateams des MDR entgegenstrecken, um damit wenigstens für kurze Zeit der Eintönigkeit des Alltags zu entfliehen versuchen. Die Teil einer kommerziell inszenierten Selbstbeweihräucherung sind, welche 2010 mit der Verleihung des Sonderpreises des St.Georgs-Ordens an Dresden als „bestes Publikum der Welt“ die komplette Absurdität der Veranstaltung offen legte.

Oder doch eher über die Machenschaften des Intendanten Hans-Joachim „Hajo“ Frey, welcher den Ball vor 15 Jahren ins Leben rief und damit eine intransparente Struktur schuf, welche den SemperOpernball eher wie eine „One-Man-Show“ dastehen lässt. Das Bild verfestigt sich bei der Betrachtung des kürzlich von Frey höchstpersönlich herausgegebenen Buches zum 15-jährigen Jubiläum des Balles. Dort findet sich kaum ein Bild, auf dem sich der egozentrische Intendant nicht im Schein der herangekarrten „berühmten“ Persönlichkeiten sonnt. Der keine Probleme damit zu haben scheint, Diktatoren Preise zu verleihen, solange es ihm einen ökonomischen Vorteil bringt. Der von sich selbst behauptet, die Verleihung des St-Georgs-Ordens an Wladimir Putin 2009 haben ihm die Tür zur höchsten Machtebene Russlands geöffnet und zugleich den Ball „in die Championsligue gekickt“.

Seitdem verkehrt Frey regelmäßig mit dem engeren Umfeld des Machthabers über eines der größten Länder der Erde. In Russland ist der 54-Jährige seit seinen Treffen mit Putin indes nicht nur aus Gründen der Freundschaft unterwegs, sondern vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen. Bisher richtete er mehrere große Veranstaltungen aus und stieg 2018 zum Leiter des Kultur- und Festivalzentrums in Sotschi auf. Wie eine renommierte Musikzeitung berichtete, sei er damit der erste deutsche Kulturmanager, der in eine solch herausgehobene Position in Russland berufen wurde. Bei all dieser offensichtlichen Vetternwirtschaft erscheint die erste Verleihung des St.-Georgs-Orden 2006 an seinen Onkel Armin Müller-Stahl eher wie ein zynischer aus der Zeit gefallener Witz.

Wobei die Verstrickungen Freys nach Russland im sächsischen Licht gar nicht so schlimm erscheinen. Immerhin trifft der ursprünglich aus Hannover stammende Intendant in Sachsen auf ein Bundesland, welches über all die Jahre eine besondere Nähe zu Russland pflegt. Wo sich CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer in wohl kalkulierter Kokettierung mit der AfD-Anhängerschaft schon seit geraumer Zeit gegen Sanktionen Russland gegenüber ausspricht. Wo PEGIDA bereits im fünften Jahr all montäglich durch die Stadt zieht, Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Diktatorin nennt und die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik mit der der DDR vergleicht, um im gleichen Atemzug einen ehemaligen KGB-Offizier zu hofieren, der autokratisch regiert und über die eigenen Landesgrenzen hinaus brutal gegen Oppositionelle vorgeht.

Hier in Sachsen, wo Putin auch gern mal als „der erste Sachse, der russischer Präsident wurde“ benannt wird. Wo ungeachtet oder gerade wegen vielfältiger Kritik von Menschenrechtsorganisation an der Preisverleihung des St-Georgs-Orden an den russischen Staatspräsidenten, der Preis dennoch von Stanislaw Tillich, dem ehemaligen Regierungschef Sachsens, übergeben wurde – unter dem wachsamen Auge des zuvor geschassten Georg Milbradt, der nach Freys Buch erst den Anstoß für die Verleihung an Putin gegeben haben soll. Bei so viel Sympathie zu Putin fiel es dann scheinbar auch niemandem auf, dass die Verhandlungen über die Rückgabe von Kunstgegenständen, für die Putin geehrt wurde, bereits 1955 beendet war – drei Jahre nach der Geburt Putins und lange vor seinem Aufstieg als russischer Präsident.

Apropos PEGIDA, Russland und die sächsischen Verhältnisse. Neben dem ägyptischen Diktator Al-Sissi sollte im diesem Jahr der St.Georgs-Orden in der Kategorie „Sachsen“ an den Chemnitzer Unternehmer Hans J. Naumann gehen, der regelmäßig wegen rassistischer Ausfälle von sich Reden macht. Dass Frey wenig Berührungsängste mit Diktatoren, Rassistinnen und Rassisten zu haben scheint, ist eine Sache. Eine andere, dass der sich selbst gern als Impresario bezeichnende Frey im Januar 2015 aktiv versucht hatte, gegen ein Fest für Weltoffenheit und Toleranz vorzugehen. Ungeachtet dessen fand die Veranstaltung von „Dresden Place to be!“ wie geplant statt, jedoch auf dem Neumarkt anstatt auf dem ursprünglich dafür vorgesehenen Theaterplatz.

In der Hochphase von PEGIDA wollte der Verein damals gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern wie Herbert Grönemeyer und Sarah Connor ein Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz setzen. Frey schien dies scheinbar so sehr aufgestoßen zu haben, dass er im Vorfeld versuchte, die Veranstaltung zu verhindern. Grund dafür seien jedoch keine politischen, sondern persönliche Argumente gewesen. Wie der Veranstalter des Konzertes Gerhard Ehninger im Interview mit coloRadio erzählte, habe Frey behauptet, dass die musikalische Aufmerksamkeit in den Wochen vor und nach dem SemperOpernball ihm gehören müsse. Nicht nur, dass hier der Narzissmus des selbst ernannten Impresario zum wiederholten Mal offen zutage trat, erwies er auch PEGIDA damit einen Bärendienst. Frey reiht sich damit nahtlos ein in die sächsischen Verhältnisse, die geprägt sind von einer Kultur des Wegschauens, Verharmlosens und Hofierens von Menschenfeinden.

Einiges zu erzählen gäbe es auch über die historische Tradition des Balles. Zwar beruft sich der SemperOpernball auf den Glanz und die Verschwendung August des Starken zu Zeiten des Barocks, doch liegt der historische Vorläufer weitaus kürzer zurück. Das erste Mal fand ein Ball in Dresden zwischen 1925 und 1939 statt. Zuvor hatte der Erste Weltkrieg seine Spuren auch beim Dresdner Bürgertum hinterlassen. „Den Mädchen in den Tanzschulen“, so im geschichtsrevisionistischen Duktus des Buches „Der Dresdner Semperopernball – schönste Nacht des Jahres“ zu entnehmen,“fehlten die Partner – 14.000 Dresdner Männer hatten im ersten Weltkrieg den Heldentod gefunden“. Erst wenige Jahre später fand der Ball seine Premiere.

Wer zu dieser Zeit für die Organisation und Ausgestaltung zuständig war, bleibt im Buch leider oder auch wohlwissentlich im Dunkeln. Nicht verborgen blieb jedoch, wie bis zum 12. und letzten Ball 1939 die Rahmengestaltung aussah. So wird in einem Nebensatz im 2019 erschienenen Buch erwähnt: „Kaum einer fand es befremdlich, dass man sich auch zu Klängen des Musikzuges der SA-Standarte 100 oder des SS-Standartenorchesters im Tanz wiegte“. Warum kaum jemand Anstoß an SS -und SA-Musikstandarten nahm, wird bei einem genaueren Blick in die Primärquellen des Buches deutlich. So finden sich mehrere Artikel im NS-Propagandaorgan „Der Freiheitskampf„, welches – wenig verwunderlich – die Veranstaltung als Event der Elite feierte. Gauleiter und Reichsstatthalter Martin Mutschmann und seine Frau waren ebenso vor Ort, wie der sächsische NSDAP-Innenminister Karl Fritsch und weitere NS-Größen.

Doch auch die jüngere Geschichte trieft von den mittlerweile offen zutage getretenen reaktionären Strukturen des Dresdner Bürgertums, welche eigentlich einen eigenen Artikel benötigen würden. Dabei spielte unter anderem der 2002 zum Ministerpräsidenten von Sachsen gewählte Georg Milbradt eine große Rolle. „Er wusste um die Unverzichtbarkeit von Emotionen, erkannte die Bedeutung auf die großen Traditionen und die Kultur, um in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung nicht heimatlos zu werden.“ Und weiter heißt es in dem vom Chefredakteur der Bild-Zeitung Dresden geschriebenen Buches: „Gleichsam war ihn bewusst, dass die seit 150 Jahren in Sachsen staatstragende Schicht, das Bürgertum, eine Form der Selbstdarstellung benötige, welche weit über Dresden hinausgriff.“ Zwei Sätze, die keinerlei Kommentierung mehr bedürfen!

Ein wichtiger und berichtenswerter Teil der Historie des SemperOpernballes ist allerdings auch, dass das Event nicht immer widerspruchslos abgelaufen ist. Unter anderem organisierte die globalisierungskritische Attac-Bewegung 2009 als alternative Veranstaltung in Anlehnung an Bertolt Brechts 1928 uraufgeführtes Theaterstück „Die Dreigroschenoper“ den Dreigroschenball. Schon damals wurde treffend analysiert, dass trotz steigender Ökonomisierung, Rassismus und Ausgrenzung, ein „elitärer Kreis von Unternehmern, (Hoch)Vermögenden und Promis […] sich das Feiern und sich feiern lassen nicht nehmen [lässt]“. 

Auch an die 12.000 Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem Theaterplatz und den Millionen vor den Fernsehschirmen wendeten sich die Organisatorinnen und Organisatoren: „Die (sich selbst) feiern und den Schaulustigen und Obrigkeitsgläubigen, die die, die sich feiern feiern, wollen wir sagen: Seid kritisch!“. Sollte der Ball trotz der überraschend an Fahrt aufgenommenen Debatte im nächsten Jahr erneut veranstaltet werden, wäre es durchaus eine Überlegung wert, mit einer größeren Mobilisierung künftig eine umfassende Kritik an der Manifestierung von ökonomischen Machtstrukturen, Hofierung von Rassismus und Menschenfeinden zu artikulieren. Schlussendlich könnte auch einfach über die Verleihung eines Ordens an einen Diktator geschrieben werden – Dies würde aber das Wesen des Balles, welches seiner Ordensträgerinnen -und Träger nur anhand ökonomischer Linien auswählt, nicht gerecht werden.

Bild: https://www.flickr.com/photos/larsmlehmann/


Veröffentlicht am 7. Februar 2020 um 13:42 Uhr von Redaktion in Freiräume, Kultur

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